
Kirchenmusik zwischen Paradigmenwechsel und Strukturwandel
Überraschend kann das alles eigentlich für keinen gekommen sein, der die Entwicklung der kirchlichen Finanzen und Mitgliederzahlen seit Jahren genauer verfolgt hat. Aber die Wucht, mit der nun ein Bistum nach dem anderen seine Haushaltspolitik radikal neu gestalten muss, um einer drohenden Handlungsunfähigkeit zu entgehen, erschreckt viele Kirchenmitglieder zutiefst. In einer Gesellschaft, die immer weniger in längeren Prozessen denkt und dafür mehr auf den Punkt, das Ereignis, die plötzliche Katastrophe schaut, ist es wohl schwer, aktuell Geschehendes in einen größeren Kontext einzuordnen. Aber dies ist notwendig, um jetzt sich nicht in Protesten zu verlieren.
Auch wenn es so manchem nicht in die momentane Stimmung des (sicherlich berechtigten oder zumindest nachvollziehbaren) Protestierens und Aufbegehrens zu passen scheint, ein Blick auf die Zahlen ist notwendig und sei daher noch einmal erlaubt (vgl. Ms 4/2004): Die Zahl der katholischen Christen in Deutschland nimmt pro Jahr ungefähr um 200.000 ab. Seit 1990 hat die katholische Kirche über 1,8 Millionen Mitglieder verloren. Der regelmäßige Gottesdienstbesuch geht seit Jahren genauso zurück (zwischen 1990 und 2002 um über 34%) wie die Zahl der priesterlichen Seelsorger im aktiven Dienst (im gleichen Zeitraum um über 20%). Dass unter dem Eindruck dieser Zahlen die deutschen Diözesen z. T. radikale Veränderungen und Anpassungen an ihre finanzielle Leistungsfähigkeit vornehmen müssen, ist nicht mehr als verständlich.
Vor wenigen Wochen tat das z. B. für die Diözese Essen der dritte Ruhrbischof des erst fast 50 Jahre alten Bistums, Dr. Felix Genn. Er prognostizierte für den Haushalt im Jahre 2009 ein strukturelles Defizit von 70 Millionen Euro; zugleich hat sich bereits jetzt die Zahl der Gläubigen im Bistum seit seiner Gründung um ein Drittel reduziert. Zusammenfassend sagte Genn: „Nichts ist mehr wie es war, auch wenn es manchmal noch so scheint. Die Fiktion anhaltender Normalität hat lange vorgehalten, aber sie zerreißt. ... Eine Sozialgestalt von Kirche geht nicht zu Ende, sie ist zu Ende. Insofern bin ich mir bewusst, daß dieser Umbruch einen Paradigmenwechsel darstellt, der nicht mehr theoretisch bleibt, sondern existentiell verarbeitet werden muss."
Der von Bischof Genn diagnostizierte Paradigmenwechsel hat mit dem Begriff der Volkskirche zu tun, die - wiewohl die weitgehend von Hauptamtlichkeit getragene Verfassung immer noch anderes zu suggerieren scheint - schon lange nicht mehr existiert. Man braucht nicht die Soziologen oder einschlägige Studien zu befragen; die erfahrene Wirklichkeit zeigt, dass auch bei vielen ihrer Mitglieder die Kirche jene zentrale und lebensbestimmende Qualität eingebüßt hat, die die Volkskirche als „unentrinnbare" Glaubensgemeinschaft einst noch mit sich brachte. Auf dem schier unüberschaubaren Markt der spirituellen Möglichkeiten ist die christliche Religion heute nurmehr ein Anbieter, von dem auch viele Christen immer wieder lediglich das eine oder andere Stück annehmen und in unterschiedliche Phasen und Situationen ihrer individuellen Biographie einbauen - für eine auf Kontinuität religiöser und auch kultischer Führung und Begleitung angelegte Religionsgemeinschaft ist dies eine fast unlösbare Herausforderung! Das neue Paradigma, das nun an die Stelle volkskirchlicher Rundumversorgung treten muss, ist das Bild der missionarischen Kirche, die sich um geistliche Zentren (räumlich wie spirituell gesehen) gruppiert und aus ihnen speist. Hierzu wieder Bischof Genn: „Das Ziel muss ... sein, dass wir ... eine Kirche bleiben, die ... ihre missionarische Kraft entfaltet, die hineinwirkt in den gesellschaftlichen und politischen Bereich ..., in der es ein ehrenamtliches Engagement in voller Entfaltung wie bisher gibt, und in der es möglich ist, dass unsere Gemeinden geistliche Zentren werden. ... Wir brauchen eine missionarische Kirche, die anziehend ist und eine Hoffnungsperspektive bietet." Vergessen werden darf dabei eben nicht, dass diese Anziehungskraft primär aus der geistlichen Qualität des authentischen christlichen Lebenszeugnisses jedes einzelnen Christen heraus entsteht und nicht automatisch mit einer bestimmten Struktur verbunden sein muss, mag deren Ausstattung noch so viele reizvolle Möglichkeiten bieten.
Dennoch muss man, will die Rede von der missionarischen Kirche nicht im luftleeren Raum bleiben, auch von möglichen künftigen Strukturen sprechen. Dass die Musik für eine solche missionarische Kirche von zentraler Bedeutung sein wird, kann niemand in Abrede stellen. Dazu hat die Kirchenmusik der vergangenen Jahrzehnte zu viel geleistet: indem sie Kinder und Jugendliche (oftmals gegen den Trend der volkskirchlichen Schwindsucht in deutlich steigender Zahl) an den Glauben herangeführt hat, indem sie der feiernden Gemeinde ihre Stimme lieh, indem sie das Herz manches Fernstehenden erreichte, der von Wort der Verkündigung unberührt geblieben war. Die Kirche wird also gut daran tun, sich dieser Kraft dauerhaft zu versichern. Nun aber ist es die schwierige Aufgabe aller Verantwortlichen, die Chancen und Aufgaben der Kirchenmusik in den Kontext einer missionarischen Kirche, die sich in weniger werdende geistliche Zentren gliedert, hineinzubuchstabieren und dabei den konkreten finanziellen Rahmen nicht aus dem Auge zu verlieren. Mit Sicherheit kann man jetzt schon prognostizieren, dass die rein auf eine Pfarrei ausgerichtete hauptamtliche kirchenmusikalische Tätigkeit drastisch zurückgehen wird, wo dies nicht schon geschehen ist. Hauptamtliche Kirchenmusiker werden zunehmend in den Dienst der Ausbildung und Schulung neben- und ehrenamtlicher kirchenmusikalischer Kräfte treten müssen - zugleich bleibt es ihre Aufgabe, in den geistlichen Zentren die Feier des Glaubens nicht sang- und klanglos werden zu lassen, sondern sie mit höchster künstlerischer Kompetenz mitzugestalten. Die breite Fläche unserer Kirche wird aber wohl nicht mehr von haupt-, sondern nebenberuflichen Kräften kirchenmusikalisch versorgt werden - und für deren spirituelle, künstlerisch-handwerkliche und liturgische Qualifikation muss in einem noch höheren Maße Sorge getragen werden, als dies bisher der Fall war.
Hält man sich vor Augen, dass die Relationen zwischen haupt- (ca. 2000) und nebenberuflichen (ca. 18.000) kirchenmusikalischen Kräften bereits heute eine klare Tendenz vorgibt, so wird die Bedeutung klar, die die zunehmend multiplikatorisch ausgerichtete Tätigkeit der kirchenmusikalischen Arbeit in Zukunft haben wird. Dem werden auch die Ausbildungsinhalte, die noch stärker in eine pädagogische Perspektive rücken müssen, und die Beschäftigungsstrukturen (mit Blick auf Teildeputate in diözesanem Auftrag für Aus- und Fortbildung Neben- und Ehrenamtlicher) Rechnung zu tragen haben.
Wer die Realitäten heute anerkennt, nach ihnen handelt und sie aktiv mitgestaltet, kann beanspruchen, bestimmte Grenzen zu markieren, die nicht unterschritten werden dürfen! Als Stichworte seien hier nur eine hauptamtliche kirchenmusikalische Versorgung der künftigen geistlichen Zentren, eine flächendeckende Repräsentanz fachlicher Beratung (Orgelbau, Literaturberatung etc.) und vor allem eine breit gestreute und qualitativ hochwertige nebenberufliche Ausbildung auf den verschiedenen kirchenmusikalischen Teilfeldern (C und D, Kinderchor, Teilbereichsqualifikation etc.) genannt. Für diese Essentials muss gekämpft werden - und man darf sicher sein, dass dieser Kampf dann nicht vergeblich ist, wenn er an der Seite der Verantwortlichen und nicht gegen sie geschieht. Daher muss ein deutliches Plädoyer dahin gehen, angesichts der momentanen Kürzungen nicht allein die moralische Keule zu schwingen und den Untergang des kirchenmusikalischen Abendlandes heraufzubeschwören, sondern diese Keule „umzuschnitzen" in kleine Pflöcke des Leistbaren, die nun in mühsamer Arbeit wieder neu eingeschlagen werden müssen. Eine andere realistische Chance besteht wohl nicht!
Keiner kann wirklich sagen, wo wir in einigen Jahren stehen werden, welche der Stellen und welche der Ausbildungsstätten (kirchlich wie staatlich) es noch geben wird. Wir alle werden neben Kraft und Mut eine ganze Portion visionäre Phantasie brauchen, damit die Krise gemeistert werden kann. Es kann als ein Mut machendes Zeichen zumindest für die Kirchenmusik im gebeutelten Bistum Essen gelten, wenn sowohl Bischof als auch Generalvikar feststellen: Jede der neu gebildeten großen Kirchengemeinden wird eine vollbeschäftigte kirchenmusikalische Kraft haben, und darüber hinaus soll es verschieden qualifizierte und mit unterschiedlichem Deputat ausgestattete Kirchenmusikerinnen und -musiker geben, um den liturgischen und pastoralen Erfordernissen Rechnung zu tragen. Diese Sätze waren in einem Spardekret nicht unbedingt zu erwarten. Dass sie gesagt wurden, darf bei aller Krisenstimmung als ein wichtiges und wegweisendes Signal gewertet werden.
Stefan Klöckner