
Stellungnahme zur aktuellen Situation der Kirchenmusik
Die drastischen Sparmaßnahmen, zu denen sich zahlreiche deutsche (Erz)Diözesen momentan gezwungen sehen, haben auch im Bereich der überregionalen und gemeindlichen Kirchenmusik sowie der kirchenmusikalischen Ausbildung zu gravierenden, ja existentiellen Einschnitten geführt.
Nicht nur die Verantwortlichen für die Kirchenmusik haben dabei in der letzten Zeit den Eindruck gewinnen müssen, dass hierbei zuweilen ein unbedachtes, geradezu panisches Vorgehen bei der Haushaltskonsolidierung an den Tag gelegt wird und von einem schlechten Krisenmanagement zeugt - hierfür zwei Beispiele:
Der Allgemeine Cäcilien-Verband für Deutschland (ACV) als Dachverband für katholische Kirchenmusik nimmt diese Entwicklungen mit großer Sorge zur Kenntnis. Die gegenwärtige Situation ist ihm Anlaß, sich an die Verantwortlichen - allen voran die deutschen Bischöfe - zu wenden und erneut wichtige elementare Grundbedingungen für eine kirchenmusikalische Arbeit in den Diözesen und Gemeinden in Erinnerung zu rufen.
Der ACV knüpft hierbei inhaltlich an die „Leitlinien zur Erneuerung des kirchenmusikalischen Berufsbildes" an, die von der Deutschen Bischofskonferenz 1991 verabschiedet wurden und in den letzten Jahren weitgehend zur Grundlage kirchenmusikalischer Ausbildung und Praxis geworden sind. Die folgenden Überlegungen sollen dazu beitragen.
Nach Jahrzehnten des Wachstums, das in der Kirche zu einem hohen Stand an Hauptamtlichkeit (bis hin zum nur für Deutschland typischen Berufsbild des Kirchenmusikers) geführt hat, nimmt die Zahl der Katholiken in Deutschland nun seit Jahren stetig ab. In Verbindung damit gehen auch die finanziellen Mittel in einem dramatischen Maß zurück. Die deutsche katholische Kirche schrumpft auf Dauer und wird neue Organisationsformen entwickeln müssen, die weit mehr als bisher von Neben- und Ehrenamtlichkeit geprägt sein werden. Von diesen Entwicklungen kann auch die Kirchenmusik nicht unberührt bleiben.
Die jahrzehntelange Aufbauarbeit im gemeindlichen und auch kirchenmusikalischen Bereich hat großartige Früchte getragen, die aus unserer Gesellschaft nicht mehr wegzudenken sind: Die Kirchen sind - besonders durch die Ensemblearbeit (Chorformationen aller Art: Kirchenchor, Schola, Jugendchor, Kinderchor ....) - zu wichtigen Faktoren auf dem kulturellen Feld geworden. Vor allem das Singen mit Kindern und Jugendlichen hat in den letzten Jahren einen erfreulichen Aufschwung genommen und verzeichnet entgegen dem allgemeinkirchlichen Trend beeindruckende Zuwachsraten. Damit wird die Kirche in einer Zeit allgemeinen Rückgangs des Singens in der Gesellschaft zu einem Marktführer auf dem Gebiet der musischen Bildung und Prägung junger Menschen.
Die Kirche muss daher diese Chance auch weiterhin nutzen für die Weitergabe des Glaubens an die kommende Generation, für die lebenswichtige kulturelle Prägung junger Menschen und in der Sorge, dass der Glaube auch morgen noch eine Stimme hat, dass er nicht sang- und klanglos wird. Der ACV hat daher das „Singen mit Kindern" zu einem der wichtigsten Schwerpunkte seiner gegenwärtigen Arbeit gemacht.
Um diese Chancen trotz zurückgehender personeller und finanzieller Ressourcen auch in Zukunft nutzen zu können, braucht es in jeder deutschen Diözese eine kirchenmusikalische Struktur, die Haupt- und Neben-/Ehrenamtlichkeit in ein ausgewogenes Verhältnis bringt. Ein flächendeckender Kahlschlag der kirchenmusikalischen Hauptberuflichkeit würde zugleich das Ende einer guten nebenberuflichen Kirchenmusik bedeuten, da für die Ausbildung, Schulung und Begleitung neben- und ehrenamtlicher Kräfte kein qualifiziertes Personal bereitstünde.
Die kirchenmusikalische Struktur einer Diözese kann nur funktionieren, wenn es eine sorgsam ausgearbeitete Stellenpyramide gibt: eine breite Basis an Neben- und Ehrenamtlichen (die qualifiziert ausgebildet sein müssen), eine zahlenmäßig verringerte Ebene an Überpfarreilich arbeitenden Kirchenmusikern (etwa in Pfarr- und Seelsorgebezirken) und eine kleine Spitze darüber hinaus verantwortlicher Musiker, die neben der künstlerisch-pastoralen Tätigkeit in der eigenen Pfarrei Aufgaben auf Dekanats-, Regional- oder Diözesanebene erfüllen (Fachreferenten, Orgelsachverständige, Lehrende der kirchenmusikalischen Ausbildungen etc.).
Der ACV rät daher in der gegenwärtigen Situation zu einem äußerst umsichtigen Handeln, damit bei der Bewältigung der anstehenden Finanzprobleme nicht wertvolle und überlebenswichtige Bereiche zerstört, sondern Perspektiven für die zukünftige Arbeit geschaffen werden.
Er bittet nachdrücklich zu bedenken:
Bonn/Regensburg, im Februar 2005
für den ACV:
Msgr. Professor Dr. Wolfgang Bretschneider, Präsident
Professor Dr. Markus Eham, 1. Vizepräsident
Professor Dr. Stefan Klöckner, 2. Vizepräsident
Propst Dr. Thomas Eicker, Geistlicher Assistent
Erich Weber, Schatzmeister