Probleme sehen - Chancen erkennen - Zukunft gestalten

Stellungnahme zur aktuellen Situation der Kirchenmusik

Aktuelle Situation

Die drastischen Sparmaßnahmen, zu denen sich zahlreiche deutsche (Erz)Diözesen momentan gezwungen sehen, haben auch im Bereich der überregionalen und gemeindlichen Kirchenmusik sowie der kirchenmusikalischen Ausbildung zu gravierenden, ja existentiellen Einschnitten geführt.
Nicht nur die Verantwortlichen für die Kirchenmusik haben dabei in der letzten Zeit den Eindruck gewinnen müssen, dass hierbei zuweilen ein unbedachtes, geradezu panisches Vorgehen bei der Haushaltskonsolidierung an den Tag gelegt wird und von einem schlechten Krisenmanagement zeugt - hierfür zwei Beispiele:

  • Zahlreiche Kündigungen von Kirchenmusikerstellen im Erzbistum Berlin haben nicht nur persönliche und familiäre Existenzen getroffen, sondern eine ehedem blühende kirchenmusikalische Landschaft (mit ihrer Ensemblearbeit auch ein nicht geringzuschätzender pastoraler Faktor) fast flächendeckend zerstört.
  • Die Schließung der Kirchlichen Hochschule für Kirchenmusik St. Gregorius Aachen zeugt von mangelnder Weitsicht, wurde dieses 1881 gegründete Haus doch erst vor gut vier Jahren mit großem Impetus zur Hochschule erhoben. Unterstellt man, dass im Jahr 2000 die dramatischen finanziellen Entwicklungen nicht gesehen wurden, so bleibt festzustellen, dass hochqualifiziertes Lehrpersonal - teilweise seinerzeit aus sicheren Positionen heraus nach Aachen gerufen - und auch engagierte Studierende Opfer einer offensichtlich kurzsichtigen Finanzplanung geworden sind, die an Verantwortungslosigkeit grenzt.

Der Allgemeine Cäcilien-Verband für Deutschland (ACV) als Dachverband für katholische Kirchenmusik nimmt diese Entwicklungen mit großer Sorge zur Kenntnis. Die gegenwärtige Situation ist ihm Anlaß, sich an die Verantwortlichen - allen voran die deutschen Bischöfe - zu wenden und erneut wichtige elementare Grundbedingungen für eine kirchenmusikalische Arbeit in den Diözesen und Gemeinden in Erinnerung zu rufen.
Der ACV knüpft hierbei inhaltlich an die „Leitlinien zur Erneuerung des kirchenmusikalischen Berufsbildes" an, die von der Deutschen Bischofskonferenz 1991 verabschiedet wurden und in den letzten Jahren weitgehend zur Grundlage kirchenmusikalischer Ausbildung und Praxis geworden sind. Die folgenden Überlegungen sollen dazu beitragen.

Probleme sehen

Nach Jahrzehnten des Wachstums, das in der Kirche zu einem hohen Stand an Hauptamtlichkeit (bis hin zum nur für Deutschland typischen Berufsbild des Kirchenmusikers) geführt hat, nimmt die Zahl der Katholiken in Deutschland nun seit Jahren stetig ab. In Verbindung damit gehen auch die finanziellen Mittel in einem dramatischen Maß zurück. Die deutsche katholische Kirche schrumpft auf Dauer und wird neue Organisationsformen entwickeln müssen, die weit mehr als bisher von Neben- und Ehrenamtlichkeit geprägt sein werden. Von diesen Entwicklungen kann auch die Kirchenmusik nicht unberührt bleiben.

Chancen erkennen

Die jahrzehntelange Aufbauarbeit im gemeindlichen und auch kirchenmusikalischen Bereich hat großartige Früchte getragen, die aus unserer Gesellschaft nicht mehr wegzudenken sind: Die Kirchen sind - besonders durch die Ensemblearbeit (Chorformationen aller Art: Kirchenchor, Schola, Jugendchor, Kinderchor ....) - zu wichtigen Faktoren auf dem kulturellen Feld geworden. Vor allem das Singen mit Kindern und Jugendlichen hat in den letzten Jahren einen erfreulichen Aufschwung genommen und verzeichnet entgegen dem allgemeinkirchlichen Trend beeindruckende Zuwachsraten. Damit wird die Kirche in einer Zeit allgemeinen Rückgangs des Singens in der Gesellschaft zu einem Marktführer auf dem Gebiet der musischen Bildung und Prägung junger Menschen.
Die Kirche muss daher diese Chance auch weiterhin nutzen für die Weitergabe des Glaubens an die kommende Generation, für die lebenswichtige kulturelle Prägung junger Menschen und in der Sorge, dass der Glaube auch morgen noch eine Stimme hat, dass er nicht sang- und klanglos wird. Der ACV hat daher das „Singen mit Kindern" zu einem der wichtigsten Schwerpunkte seiner gegenwärtigen Arbeit gemacht.

Zukunft gestalten

Um diese Chancen trotz zurückgehender personeller und finanzieller Ressourcen auch in Zukunft nutzen zu können, braucht es in jeder deutschen Diözese eine kirchenmusikalische Struktur, die Haupt- und Neben-/Ehrenamtlichkeit in ein ausgewogenes Verhältnis bringt. Ein flächendeckender Kahlschlag der kirchenmusikalischen Hauptberuflichkeit würde zugleich das Ende einer guten nebenberuflichen Kirchenmusik bedeuten, da für die Ausbildung, Schulung und Begleitung neben- und ehrenamtlicher Kräfte kein qualifiziertes Personal bereitstünde.
Die kirchenmusikalische Struktur einer Diözese kann nur funktionieren, wenn es eine sorgsam ausgearbeitete Stellenpyramide gibt: eine breite Basis an Neben- und Ehrenamtlichen (die qualifiziert ausgebildet sein müssen), eine zahlenmäßig verringerte Ebene an Überpfarreilich arbeitenden Kirchenmusikern (etwa in Pfarr- und Seelsorgebezirken) und eine kleine Spitze darüber hinaus verantwortlicher Musiker, die neben der künstlerisch-pastoralen Tätigkeit in der eigenen Pfarrei Aufgaben auf Dekanats-, Regional- oder Diözesanebene erfüllen (Fachreferenten, Orgelsachverständige, Lehrende der kirchenmusikalischen Ausbildungen etc.).

Der ACV rät daher in der gegenwärtigen Situation zu einem äußerst umsichtigen Handeln, damit bei der Bewältigung der anstehenden Finanzprobleme nicht wertvolle und überlebenswichtige Bereiche zerstört, sondern Perspektiven für die zukünftige Arbeit geschaffen werden.
Er bittet nachdrücklich zu bedenken:

  • In die Überlegung zur Schaffung zentralisierter seelsorglicher Strukturen muss die Personalsituation der Kirchenmusik von Anfang an mit einbezogen werden.
  • Bei allen Veränderungen sollte das System der Stellenpyramide (also ein geordnetes Verhältnis von Haupt-, Neben- und Ehrenamtlichkeit) Handlungsgrundlage sein.
  • Ein strukturelles Grundgerüst an indispensabler kirchenmusikalischer Hauptamtlichkeit kann nur durch Vorgaben bzw. Zuweisung durch die Diözese geschehen, da Entscheidungsträger vor Ort (also in den Pfarreien) verständlicherweise in erster Linie die lokale Personalsituation im Auge haben. Derartige Steuerungsmaßnahmen dienen dem ureigenen Bedürfnis einer Diözese nach dem Erhalt bistumsrelevanter Multiplikatoren.
  • Die in den nebenberuflichen Bereich zielende kirchenmusikalische Ausbildung sollte differenziert werden (C-Ausbildung, Teilbereichsqualifikationen, eigene Ausbildung in Kinderchorleitung etc.), um der komplexen Situation vor Ort besser Rechnung tragen zu können. Diese Ausbildungen sowie die fachliche Begleitung sollen von diözesanweit verantwortlichen hauptamtlichen Kräften geleistet werden.
  • Für die Ausbildung der hauptamtlichen Kräfte stehen staatlicher- wie kirchlicherseits Institutionen zur Verfügung. Hier sollte jedes Bistum auf die in seinem Bereich tätigen Institute zugehen, und auf die veränderte Stellensituation hinweisen, damit die zukünftigen Kirchenmusikerinnen und -musiker mit qualifizierter Kompetenz ausgebildet werden.

Bonn/Regensburg, im Februar 2005

für den ACV:

Msgr. Professor Dr. Wolfgang Bretschneider, Präsident
Professor Dr. Markus Eham, 1. Vizepräsident
Professor Dr. Stefan Klöckner, 2. Vizepräsident
Propst Dr. Thomas Eicker, Geistlicher Assistent
Erich Weber, Schatzmeister

Felix
Bildung